2nd movement – tanzsolo

konzept, choreographie, tanz
katharine sehnert
videorealisation
jens greuner
musik
glenn branca, terry fox, giacinto scelsi, david linton, jim burton, otis redding
kostümentwurf
katharine sehnert
kostümanfertigung
cordula paar
kostümbemalung
joachim liestmann
lichtgestaltung
christian decker


video YouTube video

Das Tanzsolo von und mit Katharine Sehnert ist ein Stück über das Erinnern. Nicht ohne Ironie wird der eigene Weg als Tänzerin reflektiert, doch im Zentrum steht der Vorgang des Erinnerns selbst. Was ist Erinnern? Was ist wahr an diesen Bildern aus der Vergangenheit, die oft ungebeten in unsere Gegenwart eindringen. Im Stück sind sie mehr als zusammengesetzte Ausschnitte des Gewesenen. Wie Zerrbilder treffen sie auf eine veränderte Realität, auf einen Menschen, der sie in Beziehung setzt zu allen anderen Erfahrungen seines Lebens, und aus dieser Perspektive gleichsam die Erinnerungen verändert. “2nd movement“ arbeitet mit dieser Distanz, dieser Option des gegenseitigen Einflusses und fragt, woher die Bilder wirklich kommen. Sind sie nicht eine Facette im Spiegel des eigenen Bewusstseins? Erinnern wir nicht schon Erinnertes? Und hat dieses Erinnerte nicht unsere Fähigkeit des Erinnerns längst manipuliert? So ist auch das Stück eine Reflexion der Reflexion von Erinnerungen. In “lautloses echo“, das 1993 Premiere hatte, beschäftigte sich Katharine Sehnert mit den Formen der emotionalen Vergangenheitsbewältigung. In “2nd movement“ ist jetzt die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerungsfähigkeit das Thema.

“2nd movement“ besteht aus zwei Teilen, in denen die Solistin den Tanz einer Collage aus Film- und Fotomaterial gegenüber stellt. Im ersten Teil, der die Zeitspanne von den Anfängen als Tänzerin 1962 bis 1982, dem Abschluss ihrer Arbeit in Frankfurt, umfasst, bleibt der tanzende Körper im Verborgenen, quasi auch nur eine Projektion hinter den gezeigten Bildern. Im zweiten Teil tritt die Tänzerin aus der Projektion hervor und die Bilder begegnen dem Körper, dessen Erfahrungen 20 Jahre darüber hinaus reichen. Er entspricht einem Neuanfang mit allen Zweifeln und Rückschlägen. Der Körper kämpft mit den Projektionen der Vergangenheit, die sich ihm eingegraben haben. Die Videoeinspielung erzeugt eine zusätzliche Ebene, parallel zur Wirklichkeit. So werden dem Erinnern der Bilder die Möglichkeiten und Grenzen des Körperlichen gegenüber gestellt. Der Tanz verändert im Laufe der Jahre seine Qualität. Aus der grenzenlosen Beweglichkeit der Jugend wird er zur Kristallisation existentieller Erfahrungen eines ganzen Lebens. Damit weist das Stück weit über das persönliche Erinnern hinaus und zeigt, wie das Fortschreiten des Lebens die Bedeutung von Vergangenheit und Gegenwart relativiert. “2nd movement“ ist eine Weiterentwicklung und Neubearbeitung von einzelnen Elementen des Solos “lautloses echo“. Zugleich ist es ein Jubiläumsstück, das das 40-jährige Bühnenleben der Solistin markiert, sowie ihr 20-jähriges Wirken in Köln.